Der lange Weg zum 1. Oldtimer
Es war im Sommer 1978 als ich mich in der Fahrschule von Willi Verfürth in Kleve anmeldete. Endlich war es soweit und der begehrte Führerschein war in greifbarer Nähe. Ich war noch Schüler und mein Vater stellte mich vor die Wahl: entweder FS-Klasse 3 und Unterhalt eines kleinen Autos, solange ich noch Schüler war, oder die FS-Klassen 1 und 3. Da ich es hasste, bei Regen, Schnee, Sturm und Kälte mit dem Fahrrad unterwegs sein zu müssen, zog ich natürlich Variante 1 vor und absolvierte bei Glatteis und Schnee im Januar 1979 die Führerscheinprüfung.
Für die jüngeren sei jedoch erwähnt, dass die damalige Klasse 3 unter anderem noch „Motorräder“ mit einem Hubraum von bis zu 125 cc beinhaltete.
Danach nahm das Leben seinen mehr oder weniger üblichen Verlauf mit Berufsausbildung, Hochzeit, Häuschen bauen, et cetera. Erst rund 33 Jahre später tauchte so ganz aus dem Nichts wieder der Wunsch auf, motorisiert auf 2 Rädern das Umland zu erkunden. Natürlich schied so eine moderne koreanischen Nähmaschine der achtel-Liter-Klasse aus, denn mit so einem Dingen könne man sich schließlich nur blamieren. Also suchte ich etwas mit „Stil“, gerne auch mit Patina, aber auf jeden Fall mit aktueller HU, verkehrssicher, nicht zu exotisch und bezahlbar. Schließlich müsste sich ja noch herausstellen, ob das etwas für mich ist oder nicht.
Der Sommer brachte nicht so wirklich das, was ich so suchte und ich baute auf den Winter. Dieses sollte die Jahreszeit sein, in der diejenigen, die sich entweder etwas Neues zulegen oder das Hobby drangeben wollten, versuchen würden, ihre Stahlrösser zu veräußern. Aber auch diese Jahreszeit führte nicht zum Erfolg und so wurde es Frühjahr. Meine Frau meinte, ich wäre zu wählerisch und ich müsse Abstriche machen - aber zu Kompromissen war ich nicht bereit. Im Mai 2013 fand ich bei Mobile de. das inzwischen zum Kleinkraftrad herabgestufte Motorrad. So, wie ich es die ganze Zeit suchte. Eine DKW RT 125 / 2, angeboten von einem älteren Herrn, etwa Mitte 70, der sein Hobby aufgab. Das Moped befand sich in einem guten, recht originalen Zustand und das zu einem vernünftigen Preis. Es war schon spät an dem Freitagabend und so rief ich am nächsten Morgen voller Freude dort an. Es meldete sich ein etwa 45 Jahre alter Mann, erzählte mir, dass er im Auftrage seines Schwiegervaters das Moped verkaufe, da dieser nichts mehr mit dem Internet zu tun haben wolle, sich aber am Freitag, relativ spät, schon ein Lehrer gemeldet hätte, der das Moped kaufen will. Dieser käme am Sonntag gegen 11:00 Uhr das Moped besichtigen und möchte es dann direkt mitnehmen. Nichts desto trotz würde er sich aber meine Telefonnummer notieren, falls der Deal nicht zustande käme. Ich war einverstanden - und legte tief enttäuscht den Hörer in Gabel.
So wurde es dann Sonntag, als gegen 10:30 Uhr das Telefon bei mir klingelte. Die Stimme eines älteren Herrn meldete sich und fragte, ob ich noch an dem Moped interessiert sei. Ich hätte mit seinem Schwiegersohn gesprochen und von diesem hätte er meine Nummer bekommen. Ich war zwar erfreut, aber es kamen Zweifel auf. War etwas mit dem Motorrad? Warum nahm er andere es nicht? Der Termin war doch erst gegen 11 und 30 Minuten vorher werde ich schon angerufen?
Der Herr schien meine Zweifel zu bemerken und erklärte mir mit resoluter Stimme, dass der Lehrer ihn gerade fernmündlich kontaktiert hätte. Die Frau des hätte Nachtschicht gehabt und schliefe noch. Er wolle sie nicht wecken und ein anderes Mal vorbeikommen um sich die Maschine anzuschauen. Aber das käme gar nicht in Frage! Das hätte der Lehrer auch schon früher gewusst und von wegen er käme ein anderes Mal! Wann denn? Ostern nächstes Jahr oder wie? Nix da! DER KRIEGT MEIN MOPED NICHT!!! Und so vereinbarten wir einen Termin für die kommende Woche Donnerstag.
4 Tage weiter. Fröhlich gelaunt fuhr ich nach Alsdorf, einem Ort unweit von Aachen und Standort meines Objekts der Begierde. Ein freundliches Rentnerehepaar erwartete mich bereits. Nach einer kurzen Vorstellung führte man mich in einen Garten, den man so von außen in seiner Größe nicht erwartet hätte. Voller Stolz zeigte man mir die DKW und nach einer kurzen Einweisung in die Technik durfte ich sie dann im Garten Probe fahren. Schnell wurde mir klar, dass es das war, wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte. Bei einer Tasse Kaffee erklärte der Eigentümer mir, dass er das Moped in den letzten Jahren bei schönem Wetter morgens durch die anliegenden Felder bewegte, dabei gemütlich seine Zigarre rauchte und so den Tag gemütlich anfangen ließ. Inzwischen fühlte er sich aber zu alt für 2-rädrige Fahrzeuge und daher habe er sich einen Trecker der oberschwäbischen Firma Bautz, Bad Saulgau, zugelegt. Dieser sei ebenfalls aus den 50ern und da das Genießen seiner Zigarre hinter dem Lenkrad des neuen Oldtimers noch gemütlicher sei als auf der DKW, falle ihm der Abschied auch nicht so schwer.
Schnell wurden wir uns handelseinig und 2 Tage später reiste ich dann mit Anhänger wieder nach Alsdorf, um die 125er entgegenzunehmen. Kaum angekommen, steuerte der Verkäufer mit seinem Traktor auf mein Auto zu, koppelte den mitgebrachten Anhänger daran und wir fuhren in seinen Garten, um das nun als Leichtkraftrad eigestufte 2-Rad aufzuladen.
Zu meiner Freude erhielt ich dann neben einigen Utensilien noch Unterlagen, die die Historie des Mopeds belegten.
Eine Plakette auf dem vorderen Schutzblech stammt von dem Händler Erwin Keller in Würzburg, der die DKW im Juli 1953 an den ersten Besitzer, einem Drogisten, verkaufte. Das Autohaus Keller besteht auch heute noch, Versuche einer Kontaktaufnahme blieben jedoch leider unbeantwortet. Am 10. Juli 1953 wurde das Motorrad erstmalig zugelassen, das zugeteilte Kennzeichen lautete B96 – 130. Dem beigefügten originalen Kraftfahrzeugbrief Teil II (Pappbrief) sind dann sowohl die diversen Umzüge des Inhabers zu entnehmen, den Zeitpunkt der Umstellung der Kennzeichen (hier von R149 – 504 auf das neuartige Kennzeichen GK – S 596), als auch den Verkauf des Mopeds an den 2. Besitzer, einem Maurerpolier aus Hoengen bei Aachen, am 30. Juni 1962. Dieser fuhr noch rund 1 Jahr damit und im Juli 1963 wurde es endgültig abgemeldet, in der Garage abgestellt und für über 30 Jahre einfach vergessen. Wann mein Verkäufer auf dieses Moped aufmerksam wurde, konnte er mir nicht genau sagen, er meinte, es müsse so Ende der 90er gewesen sein. Er habe es dann behutsam wieder restauriert, fahrbereit gemacht und sehr viel Spaß damit gehabt. Diesen Spaß wünschte er mir bei der Übergabe im Juni 2013 auch damit – und tatsächlich, den habe ich auch noch bis heute damit.
Zu den technischen Details:
Baujahr / Erstzulassung: 1953 / 10.07.1953
Hersteller: D K W
Modell: RT 125 / 2 de luxe
(Felgen, seitlicher Tank und Auspuff verchromt)
Hubraum: 122 ccm
Leistung: 5,7 PS
Schmierung: 1 : 25
Getriebe: 3 Gänge
Höchstgeschwindigkeit: 82 km/h
Federung: vorne: Teleskopgabel, hydraulisch
hinten: Jurisch-Hirafe
(optional gegen Aufpreis von ca. 90 DM)
Preise 1953: Grundausstattung: 1.134 DM
de luxe – Version: 1.185 DM
